ExWoSt-Zwischenkonferenz: "Hitze in der Stadt - Strategien für eine klimaangepasste Stadtentwicklung"
Am 15. September 2011 fand im Saalbau der Philharmonie Essen die Konferenz "Hitze in der Stadt - Strategien für eine klimaangepasste Stadtentwicklung" statt. Etwa 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Kommunalverwaltungen und Wissenschaft diskutierten aktuelle Forschungserkenntnisse, Umsetzungsstrategien und praktische Maßnahmen.
Die Konferenz markiert die Halbzeit des Mitte 2010 begonnenen Forschungsschwerpunkts "StadtKlima - Kommunale Strategien und Potenziale zum Klimawandel" im ExWoSt-Forschungsfeld "Urbane Strategien zum Klimawandel". Bis 2013 werden in bundesweit neun Modellprojekten (StädteRegion Aachen, Bad Liebenwerda, Essen, Jena, Nachbarschaftsverband Karlsruhe, Nürnberg, Regensburg, Saarbrücken, Syke) kommunale Strategien einer klimaangepassten Stadtentwicklung erarbeitet. Die Kommunen vertiefen dabei unterschiedliche thematische Schwerpunkte in den Bereichen Stadtumbau, Stadtgestaltung und Denkmalpflege, Grün- und Freiflächenplanung, nachhaltige Siedlungsentwicklung und Gewerbeplanung.
Klimaanpassung als drängende Aufgabe für Planer
Die Notwendigkeit einer an den Klimawandel angepassten Raum- und Siedlungsentwicklung wurde auf der Konferenz von allen Beteiligten deutlich hervorgehoben. Prof. Dr. János Brenner (BMVBS) betonte in seiner Begrüßung die grundlegende Bedeutung einer proaktiven Anpassung als Zukunftssicherung von Städten und Gemeinden. Der Klimawandel stelle Herausforderungen für alle Bereiche einer ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltigen Stadtentwicklung dar. Carola Scholz (MVEBWV Nordrhein-Westfalen) und Oberbürgermeister Reinhard Paß (Stadt Essen) verwiesen auf ein zunehmendes Problembewusstsein und entsprechende Aktivitäten auf Landes- und Kommunalebene. Schnell wurde das planerische Leitbild der Innenentwicklung thematisiert, das insbesondere unter dem Fokus der urbanen Hitzebelastung im scheinbaren Widerspruch zur Klimaanpassung steht. Doch standen nicht nur Zielkonflikte zur Diskussion, sondern auch die Potenziale, die aus einer hitzeverträglichen Stadtentwicklung und neuen integrierten Handlungsansätzen resultieren können.
Breites Themenspektrum und internationale Perspektiven
In den Konferenzvorträgen wurden u.a. die Grundlagenermittlung durch Klimaanalysen, Klimafolgenbewertungen zu Hitzevulnerabilität und die Rentabilität von Anpassungsmaßnahmen dargestellt. Prof. Dr. Wilhelm Kuttler (Universität Duisburg-Essen) spannte den Bogen von regionalen und lokalen Temperaturtrends über den Zusammenhang von Flächennutzung und thermischen Verhältnissen bis zu Maßnahmen auf städtischer Ebene. Vor allem konkrete Hinweise zur Wirkung von Materialität in Baukörpern sowie die unterschiedlichen Effekte verschiedener Baumarten regten die Diskussion an. Durch Präsentationen von Prof. Dr. Kalliopi Sapountzaki (Harakopio University of Athens) und Gezá Salamin (Ungarisches Ministerium für Nationale Entwicklung) konnten internationale Ansätze und Aktivitäten auf europäischer Ebene einbezogen werden. Oliver Gebhardt (Helmholtz Zentrum für Umweltforschung) stellte erste Ansätze einer ökonomischen Bewertung und Priorisierung von Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel vor, mit denen Entscheidungsträger bei der Auswahl geeigneter Anpassungsoptionen unter Unsicherheiten unterstützt werden sollen. Prof. Dr. Stefan Greiving (plan + risk consult) stellte urbane Hitze als ein Querschnittsthema in den KlimaExWoSt-Modellprojekten vor. Interessant war insbesondere sein Hinweis, dass kleinräumige Aussagen zu Extremereignissen hilfreich sein können, um Interesse und Akzeptanz bei Öffentlichkeit und Entscheidungsträgern zu erzeugen.
Podiumsdiskussion: Mit Innenentwicklung zum Klimakomfort?
Zentrales Element der Konferenz war die Podiumsdiskussion, auf der aus Sicht verschiedener Fachperspektiven insbesondere das Leitbild der Innenentwicklung diskutiert wurde. Simone Raskob (Umwelt und Baudezernentin der Stadt Essen), Iris Behr (Institut Wohnen und Umwelt), Dr. Meinolf Koßmann (DWD), Dr. Susanne Moebus (Universitätsklinikum Essen), Dr. Heike Stock (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin) und Prof. Dr. János Brenner (BMVBS) kamen u.a. zu dem Ergebnis, die städtische Innenentwicklung zukünftig durch Grün- und Freiraumplanung voranzutreiben. Dies könne insbesondere in Stadtumbaugebieten zu neue Lagequalitäten und Investitionsbereitschaft auf Seiten der privaten Akteure führen.
Zahlreiche Informationsmöglichkeiten und Gelegenheit zum Austausch
In den Pausen boten Informationsstände des DWD und des Stadtklimalotsen, eine Poster-Ausstellung der neun Modellprojekte und ein Klimadaten-Messwagen der Universität Duisburg-Essen Gelegenheit zur thematischen Vertiefung.
In Arbeitsgruppen: Diskussion von Konzepten und Maßnahmen
Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz wurden fünf parallele Arbeitsgruppen angeboten, um eine zielgerichtete und intensive Diskussion zu ermöglichen und auf die Ebene praktischer Maßnahmen einzusteigen. Die Arbeitsgruppen orientierten sich an verschiedenen Siedlungsstrukturtypen, in denen jeweils zwei "repräsentative" Modellprojekte Impulsvorträge hielten.
AG Stadtumbaugebiete im Strukturwandel
Die Modellprojekte Essen und Nürnberg präsentierten konkrete Ansätze integrierter Anpassungsstrategien für die Neuplanung von größeren Industriebrachen. Wesentliche Inhalte der Diskussion waren die Rolle und Einbindung von Investoren in der Klimaanpassung. Städtebauliche Wettbewerbe und Öffentlichkeitsarbeiten wurden als geeignete Instrumente gesehen, um Anpassungsziele umzusetzen. Neben Neubauprojekten liegt die spezifische Herausforderung vor allem in der Anpassung im Gebäudebestand.
AG Kleinstädte und Siedlungsränder
Siedlungsränder weisen aufgrund ihrer offenen, kleinteiligen Bebauungsstruktur geringere Hitzevulnerabilitäten als verdichtete Innenstädte auf. In den Impulsvorträgen der Modellprojekte Bad Liebenwerda und Nachbarschaftsverband Karlsruhe wurde jedoch schnell deutlich, dass auch in Siedlungsränder bzw. Klein- und Mittelstädten Anpassungsbedarf besteht. Zentrale Themen dabei sind Beschattungen und Bepflanzungen von Frei- und Grünflächen. Auch das Potenzial der Siedlungsränder für Anpassungsmaßnahmen im Stadtkörper (Luftleitbahnen) ist zu berücksichtigen.
AG Altstädte
In der Arbeitsgruppe "Altstädte" wurden die besonderen Rahmenbedingungen in der Klimaanpassung thematisiert, die historische Stadtkörper insbesondere beim Themenkomplex Hitze aufweisen. Die Modellprojekte Regensburg und Nürnberg stellten dazu ihre Strategien und Konzepte vor. In der anschließenden Diskussion wurde insbesondere das Potenzial der innerstädtischen Hinterhöfe für eine "hitzeangepasste" Stadtentwicklung diskutiert. Dabei spielt die Motivation und Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern eine zentrale Rolle: Durch gezielte Ansprache von Betroffenen und spezifischen Beratungsangeboten können beispielsweise Begrünungsmaßnahmen, Verschattungselemente und Flächenentsiegelungen umgesetzt werden.
AG Gewerbegebiete und Infrastruktur
Das Modellprojekt der StädteRegion Aachen stellte die Wahrnehmungsunterschiede in Unternehmen vor: Unternehmen mit hohen Risiken oder Katastrophenerfahrung verfügen über eine hohe Sensibilität, ansonsten herrscht hinsichtlich der Klimaanpassung eher ein Mangel an Risikobewusstsein und Handlungsbereitschaft bei gleichzeitig hoher Erwartungshaltung gegenüber Versicherungen und öffentlicher Daseinsvorsorge vor. Die Stadt Jena präsentierte die ersten Erkenntnisse aus klimaangepassten Umgestaltung des Eichplatzes.
AG Freiräume
Die Stadt Saarbrücken stellte die Freiraumplanung als zentrales Handlungsfeld für Adaptionsmaßnahmen vor. Der Trend „je dichter, desto vulnerabler" ist aus den Analysen deutlich ersichtlich, sodass die Stadt nun Einzelmaßnahmen entwickeln und priorisieren wird. Die Stadt Syke strebt an, stadtklimatisch bedeutsame Freiflächen besonders zu schützen. Desweiteren sollen klimaangepasste Baum- und Straucharten gepflanzt, invasive Arten mittels Monitoring überwacht und neue Naturschutzleitbilder entwickelt werden.
Resümee
Die Halbzeitkonferenz "Hitze in der Stadt" verdeutlichte den Handlungsbedarf für Planer und Entscheidungsträger. Da man Städte nicht in wenigen Jahren umbauen kann, müssen sich Städte und Regionen schon frühzeitig auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten. Die Klimaanpassung berührt alle Belange einer nachhaltigen Stadtentwicklung, so dass ganzheitliche Konzepte erforderlich sind. Der Schutz des Stadtklimas ist eine zentrale Zielsetzung, um gesunde Lebensbedingungen in der Stadt zu sichern. Auch wenn dabei der Umgang mit Unsicherheiten eine große Herausforderung darstellt, so resultieren auch Chancen und neue städtebauliche Qualitäten aus der Klimaanpassung. Hervorzuheben ist, dass das Leitbild der kompakten, europäischen Stadt keinen Widerspruch zu einer klimawandelgerechten Stadt darstellt - vielmehr sollte das planerische Ziel der Innenentwicklung durch intelligente Lösungen einhergehen mit Klimaschutz und -anpassung.









Alle Fotos: Sven Lorenz (Bildrechte bei BPW baumgart+partner)
Die Konferenz war eine Veranstaltung des Forschungsschwerpunkts I "Kommunale Strategien und Potenziale zum Klimawandel" (StadtKlima) im Rahmen des ExWoSt-Forschungsfelds "Urbane Strategien zum Klimawandel".
Veranstalter: Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) und Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)
Ansprechpartner:
Dr. Fabian Dosch
Fabian.Dosch@bbr.bund.de
Rückfragen an:
BPW baumgart+partner, Stadt- und Regionalplanung, Bremen
Ansprechpartner: Achim Selk oder Frank Schlegelmilch
Tel. 0421-703207 oder info@stadtklimalotse.net