Glossar

Anfälligkeit (Empfindlichkeit, Sensitivität)

Anfälligkeit beschreibt den Grad, zu welchem ein natürliches oder soziales System entweder nachteilig oder positiv durch Klimavariabilität oder Klimaänderungen beeinflussbar ist. Die Anfälligkeit beantwortet also die Frage, ob ein natürliches oder soziales System überhaupt auf Klimaänderungen oder Klimavariabilität reagiert und in welchem Ausmaß diese Reaktion stattfindet. Die Beschreibung der Anfälligkeit ist immer wirkungsbezogen - die alleinige Angabe von Klimaänderungen oder Klimavariabilität ist nicht ausreichend. Streng genommen gehört zur Betrachtung der Anfälligkeit ebenso Rückkopplungen - zum Beispiel: welche Auswirkungen hat eine Änderung der Bodenfeuchte für das (Mikro- / Meso-) Klima? Die Wirkung kann direkt oder indirekt sein. Eine direkte Wirkung im natürlichen System ist zum Beispiel die Änderung der Bodenfeuchte, eine direkte Wirkung im sozialen System ist beispielsweise eine Änderung von Getreideerträgen infolge veränderter Mittelwerte oder Schwankungen der Temperatur. Indirekte Wirkungen sind beispielsweise Schäden infolge häufigerer Überflutungen durch den Meeresspiegelanstieg. Die Grenze zwischen Anfälligkeit einerseits und Verwundbarkeit (Vulnerabilität) andererseits ist nicht immer einfach zu bestimmen: Im Wesentlichen besteht sie darin, dass die Verwundbarkeit bereits die Anpassungskapazität berücksichtigt und eine normative (bewertende) Komponente enthält.

Anpassung (Adaption, Adaptation)

Anpassung umfasst Initiativen und Maßnahmen, um die Empfindlichkeit natürlicher und menschlicher Systeme gegenüber tatsächlichen oder erwarteten Auswirkungen der Klimaänderung zu verringern. Es können verschiedene Arten von Anpassungen unterschieden werden, darunter vorausschauende und reaktive, private und öffentliche, autonome und geplante Anpassung.

Adaption im Kontext des Klimawandels beschreibt nach einer Definition des IPCC die Anpassung ökologischer, sozialer oder ökonomischer Systeme an aktuelle oder künftige klimatische Stimuli und deren Folgen und Auswirkungen. Der Begriff umfasst Veränderungen in Prozessen, Handlungsweisen oder Strukturen zur Minimierung oder gar Vermeidung möglicher Schäden sowie zur Nutzung möglicher Vorteile, die durch den Klimawandel auftreten können (SMIT & PILIFOSOVA 2001).

In Abhängigkeit vom Zeitpunkt der Anpassung und dem Grad des Bewusstseins können verschiedene Arten von Adaptionsprozessen unterschieden werden (SMIT et al. 1999):

1. Die autonome (auch spontane) Adaption erfolgt selbstständig, ungeplant und unbewusst. Anpassungen durch ökologische Veränderungen in natürlichen Systemen sowie spontane Anpassungen im Markt entsprechen autonomer Anpassung. Die Vergrößerung der bio-klimatischen Toleranzbreite von Pflanzenarten durch evolutionäre Prozesse oder eine nachlassende Nachfrage als Folge von Preissteigerungen aufgrund von Angebotsknappheit können hier als Beispiele genannt werden (SCHRÖTER et al. 2004).

2. Im Gegensatz dazu stellt die geplante Adaption eine überlegte Reaktion auf Auswirkungen des Klimawandels dar, die entweder im Sinne von (a) reaktiver Anpassung ein bereits beschädigtes System gezielt wiederherstellen oder auch eine erneute Schädigung verhindern soll. Oder sie meint die (b) antizipatorische (auch proaktive) Adaption als vorausschauende Anpassungsmaßnahme, welche gezielt zu einer Minimierung oder Vermeidung möglicher schädlicher Auswirkungen des Klimawandels führen soll.

Anpassungsmaßnahmen können physisch (technischer) oder planerischer Art sein. Physische Anpassungsoptionen können beispielsweise eine geänderte landwirtschaftliche Bodennutzung zum Aufrechterhalten der Ertragsfähigkeit oder die Schaffung von zusätzlichen Talsperren und Retentionsräumen für den Hochwasserschutz sein. Im Gegensatz dazu zielen die planerischen Anpassungsmöglichkeiten auf die räumliche Steuerung, Abwägung und Umsetzung solcher Maßnahmen.

Anpassung wird oft als Gegenpol zur Strategie des vorsorgenden Klimaschutzes (Mitigation) bezeichnet. Aus akademischer Sicht hat diese Unterscheidung durchaus ihre Berechtigung, da sehr unterschiedliche Forschungsaspekte mit den beiden Themen verbunden sind. Für die Praxis zeigt sich jedoch, dass eine integrierte Behandlung beider Handlungsansätze einfacher zu vermitteln und daher sinnvoller ist.

Climate-Proof-Planning

Der Begriff „Climate Proofing" wird mit nationalen oder regionalen Anpassungsstrategien sowie Risikominderungsstrategien gegenüber klimabezogenen Extremereignissen (insbesondere Naturgefahren), verbunden. Eine einheitliche Definition gibt es bisher nicht. Für die räumliche Planung und Raumentwicklung in Deutschland lässt sich als erste Näherung folgende Defintion und Abgrenzung des Begriffes ableiten (vgl. Birkmann & Fleischhauer 2009): Unter „Climate-Proof-Planning" sind Methoden, Instrumente und Verfahren zu verstehen, die absichern, dass Pläne, Programme und Strategien sowie damit verbundene Investitionen gegenüber den aktuellen und zukünftigen Auswirkungen des Klimawandels resilient und anpassungsfähig gemacht werden (BMVBS & BBSR 2009b). Sie sollen zudem auch darauf abzielen, dass die entsprechenden Pläne, Programme und Strategien dem Ziel des Klimaschutzes Rechnung tragen.

Klimawandel-Regionstypen

Klimawandel-Regionstypen basieren auf den Ergebnissen des Klimamodells REMO und bilden die raumordnungsrelevanten Veränderungen des Klimas in Deutschland vom Zeitraum 1961-1990 bis zum Zeitraum 2071-2100 in ihrer räumlichen Verteilung ab. Sie beschreiben die raumordnerisch relevanten Veränderungen des Klimas in zusammengefasster Form für die räumlichen Einheiten der Regional­planung. Sie umfassen jedoch keine Aussagen über die dadurch ausgelösten Probleme oder den Handlungs­bedarf.

Die Typisierung der Klimawandel-Regions­typen wurde in drei Arbeitsschritten entwickelt:

  • Zusammenfassung der Veränderungen von raumordnungsrelevanten Klimaparametern für die räumlichen Einheiten der Regionalplanung,
  • Analyse der regionalen Klimaveränderung und ihre Zusammenfassung mit Hilfe einer Faktorenanalyse,
  • Typisierung und Darstellung der Klimawandel-Regionstypen in kartographischer Form.

Klimamodelle

Eine numerische computergestützte Nachbildung des Klimasystems der Erde, die auf dem vorliegenden Wissen über physikalischen, chemischen und biologischen Eigenschaften seiner Bestandteile, deren Wechselwirkungen und Rückkopplungsprozessen basiert. Die numerische Umsetzung der Modelle kann mit Hilfe unterschiedlicher Theorien und Methoden erfolgen. Je nach dem Raum, den die Modelle abdecken wird zwischen Globalen Zirkulationsmodellen (GCM) und regionalen Klimamodellen unterschieden.

Klimawandel-Wirkfolgen

Wirkfolgen des Klimawandels beschreiben die spürbaren Konsequenzen, die durch die Veränderungen des Klimas für die Gesellschaft entstehen. Die Veränderungen der Klimaparameter wie Temperatur, Niederschlag, Windgeschwindigkeiten und Luftfeuchte lösen unmittelbare Folgen wie z.B. das häufigere Auftreten von Hitzeperioden aus. Vielfach bewirkt die Kombination mehrerer unmittelbarer Wirkfolgen weitere mittelbare Wirkfolgen. So entsteht eine Kaskade von Wirkfolgen die auf die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereiche einwirken und hier Reaktionen auslösen.

Modellvorhaben der Raumordnung

Mit dem Aktionsprogramm "Modellvorhaben der Raumordung" (MORO) unterstützt das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) die praktische Erprobung und Umsetzung innovativer, raumordnerischer Handlungsansätze und Instrumente in Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis, d.h. mit Akteuren vor Ort, in den Regionen.

Resilienz

Resilienz ist ein Maß für die Widerstandsfähigkeit eines Systems. Sie bezeichnet dessen Potenzial Störungen oder Veränderungen aufzunehmen ohne seine grundlegenden Qualitäten und funktionalen Eigenschaften zu verlieren (Holling 1973: 14).

Auf sozio-ökonomische Systeme übertragen beschreibt er die Kapazität einer Gesellschaft oder eines Raums, Störungen und Schocks zu absorbieren. Im Zusammenhang mit dem Klimaschutz wird der Begriff im Wesentlichen als Robustheit oder Widerstandskraft verstanden, die es ermöglicht, auch unter dem Einfluss von externen Schocks und Störungen zentrale Funktionen des Systems aufrechtzuerhalten. Demgegenüber definiert eine zweite Denkschule Resilienz als Eigenschaft eines sozialen, ökologischen oder sozial-ökologischen Systems zu lernen und sich veränderten (Umwelt-)Bedingungen anzupassen. Das System muss daher nicht unbedingt robust, sondern vielmehr anpassungs- und lernfähig gegenüber neuen und unvorhergesehenen Umweltbedingungen und Schocks - im Sinne einer Reorganisationsphase sein. (Birkmann 2008: 10) Diesem zweiten Verständnis folgend verfügt ein resilientes System oder eine resiliente Gesellschaft über eine hohe (®) Anpassungskapazität und passt sich proaktiv an sich wandelnde Umweltbedingungen an.

Szenarien A1B, A2, B1 (SRES-Szenarien)

sind Emissionsszenarien, die als Basis für die Klimaprojektionen im IPCC Bericht 2001 „Special Report on Emissions Scenarios" (SRES) verwendet wurden und als Grundlage für die Klimamodelle dienen. Die zukünftigen Emissionen - von denen das Ausmaß des Klimawandels abhängt - sind von einer Vielzahl ökonomischer, sozialer und politischer Entwicklungen abhängig, die grundsätzlich nicht vorhersagbar sind, so dass die Betrachtung einer großen Bandbreite von Annahmen über die künftige Entwicklung notwendig wird.

Die SRES-Szenarien berücksichtigen - differenzierter nach einzelnen plausiblen Entwicklungspfaden - die möglichen Konsequenzen in den Bereichen Bevölkerungswachstum, ökonomische und soziale Entwicklung, technologische Veränderungen, Ressourcen-Verbrauch und Umweltmanagement bis zum Ende des 21. Jahrhunderts. Die SRES-Szenarien liegen auch dem 4. IPCC-Bericht 2007 zu Grunde.

Die vier Szenariofamilien des IPCC (Quelle: eigene Darstellung nach IPCC 2000)

 

eher ökonomisch / materiell orientiert

eher umweltorientiert

Globalisierung

(homogene Welt)

A1 (A1B)

B1

Regionalisierung

(heterogene Welt)

A2

B2

Den 4 Emissions-Szenarien des IPCC liegen folgende Trends zugrunde:

A1B: Die A1-Szenarien-Familie beschreibt eine zukünftige Welt mit sehr starkem Wirtschaftswachstum, einer Mitte des 21. Jahrhunderts kulminierenden und danach wieder rückläufigen Weltbevölkerung, und rascher Einführung neuer und effizienterer Technologien. Wichtige Themen sind Annäherung von Regionen, Entwicklung von Handlungskompetenz und zunehmende kulturelle und soziale Interaktion bei gleichzeitiger substantieller Verringerung regionaler Unterschiede der Pro-Kopf-Einkommen. Das Szenario A1B geht von einer ausgewogenen Nutzung fossiler und nichtfossiler Energiequellen aus. Diese ausgewogene Nutzung wird definiert als eine nicht allzu große Abhängigkeit von einer bestimmten Energiequelle und durch Annahme eines ähnlichen Optimierungsspotentials für alle Energieversorgungs- und Energieverbrauchstechnologien.

A2: Das Szenario beschreibt eine sehr heterogene Welt. Die Grundannahmen sind Autarkie und Bewahrung lokaler Identitäten. Regionale Fruchtbarkeitsmuster konvergieren nur sehr langsam, was eine stetig zunehmende Bevölkerung zur Folge hat. Die wirtschaftliche Entwicklung ist vorwiegend regional orientiert und das Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum und technologische Veränderungen sind bruchstückhafter und langsamer als in anderen Modellgeschichten.

B1: Das Szenario beschreibt eine sich stärker vernetzende Welt, mit der gleichen, Mitte des 21. Jahrhunderts kulminierenden und danach rückläufigen Weltbevölkerung wie bei A1, jedoch mit raschen Änderungen der wirtschaftlichen Strukturen zu einer Dienstleistungs- und Informationswirtschaft bei gleichzeitigem Rückgang des Materialverbrauchs und Einführung von sauberen und ressourcen-effizienten Technologien. Das Schwergewicht liegt auf globalen Lösungen für eine wirtschaftliche, soziale und umweltgerechte Nachhaltigkeit, einschließlich erhöhter sozialer Gerechtigkeit, aber ohne zusätzliche Klimainitiativen.

Verwundbarkeit

Verwundbarkeit (engl. Vulnerability) ist ein Maß für die Anfälligkeit eines Bezugsraums oder einer Bezugsgruppe für die negativen Folgen eines Ereignisses. Schadenspotenzial sowie Vorsorge- und Reaktionspotenzial bestimmen zusammen, inwieweit eine Region oder eine Gesellschaft verwundbar gegenüber einem bestimmten Ereignis ist. Durch die analytische Trennung der Verwundbarkeit in eine Schadens- sowie Vorsorge- und Reaktionskomponente kann identifiziert werden, ob die Verwundbarkeit einer Gesellschaft in der Schadensanfälligkeit ihres natürlichen oder zivilisatorischen Inventars besteht oder aber in der mangelnden Organisation bzw. Entwicklung ihres Vorsorge- und Reaktionspotenzials begründet ist (Greiving 2001: 18). Bei der Verwundbarkeit handelt es sich um keine feste Größe, sondern sie wird durch das Handeln der betroffenen Menschen beeinflusst. Steigt beispielsweise das Schadenspotenzial, so steigt auch die Verwundbarkeit; durch eine bessere Vorbeugung von Gefährdungen kann diese sinken. Im Kontext des Klimawandels ist die Verwundbarkeit bestimmt durch die Art, das Ausmaß und die Geschwindigkeit der Klimaänderung, der Schwankungen des Klimas, welcher das System ausgesetzt ist, sowie seiner Empfindlichkeit und seiner Anpassungskapazität.

Vorsorge (Mitigation, vorsorgender Klimaschutz)

Vorsorge in Zusammenhang mit dem Klimawandel umfasst sämtliche Strategien und Maßnahmen zur Minderung der Emission klimarelevanter Gase (sog. Treibhausgase). Dies beinhaltet die Reduktion des Energieverbrauchs (Steigerung der Energieeffizienz, Verzicht auf bzw. Reduktion von Energie verbrauchenden Tätigkeiten), den Wechsel zu regenerativen, d.h. nicht auf fossilen Brennstoffen beruhenden, Energieträgern (v.a. Windenergie, Photovoltaik / passive Solarenenergie, Wasserkraft, Biomassenutzung, Geothermie) und die Sicherung von natürlichen (v.a. Böden und Wäldern) und technischen (Carbon Capture & Storage (CCS) bei Kraftwerken) Treibhausgassenken.

Den internationalen Rahmen für den vorsorgenden Klimaschutz bildet v.a. das 2005 in Kraft getretene Kyoto-Protokoll, das für die Unterzeichnerstaaten unterschiedliche Reduktionsziele enthält (verabschiedet von der 3. COP in Kyoto). In Deutschland hat die Bundesregierung zugesagt, die Emission von Treibhausgasen bis 2020 um 40% (bezogen auf 1990) zu reduzieren, sofern die EU-Staaten einer Reduzierung der europäischen Emissionen um 30 % im gleichen Zeitraum zustimmen. Ein wichtiges Instrument ist das Gesetz zur Förderung Erneuerbarer Energien (EEG), durch das den Betreibern von Anlagen Erneuerbarer Energien über einen bestimmten Zeitraum ein fester Abnahmepreis gewährt wird.

Die Raumordnung trägt zum Klimaschutz v.a. durch die räumliche Steuerung von Erneuerbaren Energien bei (z.B. Vorrang- und Vorbehaltsgebiete für Windkraft, Solaranlagen). In vielen Regionen bestehen mittlerweile entsprechende Energiekonzepte. Auf Ebene der Bauleitplanung sind durch das BauGB und die BauNVO Festlegungen zum vorbeugenden Klimaschutz bei Vorhaben der Siedlungsentwicklung möglich. Grundsätzlich könnten raumordnerische Konzepte wie dezentrale Konzentration, das Zentrale-Orte-System etc. zur Vermeidung von Verkehr und damit zur Einsparung von Treibhausgasemissionen beitragen.